Freiwilligendienst bei Volontariat bewegt in Tijuana, Mexiko

„Estén siempre alegres – Seid immer fröhlich“

Florian Mayrhofer über sein Jahr im Proyecto Salesiano Tijuana (2007-2008)

Als für mich die Zeit der Matura immer näher kam und ich mich entscheiden musste, ob ich Zivildienst oder den Präsenzdienst absolviere, war für mich die Entscheidung relativ einfach: Ich wollte damals etwas Sinnvolles machen, anstatt sechs Monate beim Bundesheer abzuleisten, gleichzeitig auch andere Kulturen kennenlernen und wenn möglich auch noch mein soziales Engagement einbinden. So kam ich über eine Freundin von mir zur Organisation Jugend Eine Welt (heute „Volontariat bewegt“) und wurde nach Tijuana/Mexiko ins Proyecto Salesian Tijuana geschickt.

Die Salesianer Don Boscos (= kath. Ordensgemeinschaft) sind schon seit 20 Jahren dort in Tijuana tätig und haben es sich zur Aufgabe gemacht, benachteiligten Kindern zu helfen, in dem sie ihnen durch die verschiedenen Oratorien (= Jugendzentrum mit Kirche) ein Zuhause und gleichzeitig eine Schule fürs Leben bieten wollen. Ich selbst habe dabei in zwei der fünf Jugendzentren am Stadtrand der Millionenstadt Tijuana gearbeitet. Nach den Vorstellungen des „Erfinders“ Johannes Bosco (Gründer des Ordens der Salesianer Don Boscos und kath. Heiliger) dieser besonderen Form der Kinder- und Jugendbetreuung werden den Kindern Ausbildung, Spielmöglichkeiten, Entfaltung des persönlichen Glaubens und ein Zuhause ermöglicht. Ich selbst habe dabei die verschiedensten Tätigkeiten gemacht.

Flo_Mexiko_VolontariatZu Beginn meines Auslandsaufenthaltes hatte das Projekt, wie jedes Jahr im Sommer, die Sommerkurse, auch „Vacaciones felices con Jesús“ genannt, für Kinder zwischen 4 und 14 Jahren angeboten. Dies ist eine gute Möglichkeit der sinnvollen Freizeitbeschäftigung, da die Freizeitgestaltungsmöglichkeiten in diesem Stadtteil sehr beschränkt sind und die Gefahr negativen Einflusses durch „schlechte Vorbilder“, wie gewalttätige bzw. drogensüchtige Jugendliche, sehr groß ist. Um den Kindern daher auch in den Schulferien eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten, fand am Vormittag „normaler“ Schulunterricht statt, in dem der Stoff des vergangenen Schuljahres noch einmal aufgefrischt wurde und am Nachmittag gab es die verschiedensten Freizeitmöglichkeiten.

Mit Ende der Sommerkurse kehrte leider ein Teil der Kinder und Jugendlichen dem Oratorium wieder den Rücken zu und der „Normalbetrieb“ des Jugendzentrums begann. Zuallererst ist die Hauptaufgabe von Volontär_innen, in einem Oratorium präsent zu sein. Dies wird hier als „asistencia salesiana“ (salesanische Assistenz) bezeichnet und meint, dass der_die Volontär_in mit den Kindern spielt, mit ihnen spricht und einfach nur anwesend ist und dadurch langsam eine Vertrauensbasis zu ihnen aufbaut.

Das Oratorium soll für die Jugendlichen ein Platz sein, an dem sie spielen können, aber gleichzeitig auch ein Ort des Lernens sowohl für die Schule, als auch des Lernens fürs Leben. Daneben ist das Oratorium auch ein Ort des religiösen Angebotes. Pater und Volontär_innen versuchen so mit Hilfe von ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen den Kindern menschliche Werte und Grundhaltungen vorzuleben und ihnen Raum für familiäre Atmosphäre zu geben, die sie Zuhause leider oft nicht vorfinden. Viel zu oft sind die Kinder und Jugendlichen negativen Einflüssen ausgesetzt. Dieser wird nicht nur durch die Vernachlässigung der Eltern, sondern auch durch Jugendbanden, in denen Gewalt, Drogen und Alkohol an der Tagesordnung stehen, ausgeübt. Das Oratorium arbeitet mit dem Präventivsystem, was heißt, dass die Kinder, bevor sie in die Banden hineinrutschen, vorher im Oratorium abgefangen werden sollen. Aber natürlich bietet das Oratorium auch für jene Platz, die entweder schon in diesen Jugendbanden sind oder gerade dabei sind, dort hineinzugeraten, um sie vielleicht so vor einem Leben auf der Straße zu bewahren.

Meine Aufgabe als Volontär des Oratoriums war es außerdem Spiele anzuleiten und zu koordinieren, eventuell Streitereien unter den Kindern und Jugendlichen zu schlichten und die Spielgeräte des Oratorium zu verleihen bzw. zu schauen, dass die verborgten Geräte auch wieder ordnungsgemäß zurückgebracht werden.

Beim Spielen lernen die Kinder auch miteinander zu leben und dadurch auch „sozial“ miteinander umzugehen. Sie sollen lernen, dass Glück eben nicht durch Drogen oder Alkohol erreicht werden kann.

Ein besonderes Highlight waren immer die Besuche bei den Familien selbst, die uns zum Mittagessen eingeladen haben. Dadurch wurde für mich erfahrbar, was es heißt, in Armut zu leben bzw. wurde für mich auch klar, warum manche Kinder so reagieren und handeln, wie sie handeln.

An den Wochenenden war es dann meine Aufgabe, die Fußballliga des Jugendzentrums zu leiten – keine leichte Aufgabe für jemanden, der von Fußball wirklich gar nichts versteht. Aber mit der Zeit bin ich auch dort hineingewachsen und es war dann immer eine Freude am Ende jeder Saison das Siegerteam zu küren und die großen Pokale zu überreichen.

Was blieb von diesem Jahr? Manchmal hatte ich den Eindruck, selbst viel mehr gelernt zu haben, als ich den Kindern und Jugendlichen vermittelt habe. Aber ich glaube, dass das gegenseitige Voneinander-Lernen, das Kennenlernen fremder Kulturen und Mentalitäten für beide Seiten wohl der größte Ertrag dieses Jahres war. Bis heute habe ich so viele Erinnerungen in meinem Herzen, ohne die ich nicht der Mensch wäre, der ich eben bin. Was mich aber am meisten beeindruckt hatte, war die Lebensfreude, mit der die Menschen ihre Situation meistern.

Und so ist heute mein Herz ein Stück weit mexikanisch. Und das ist gut so!
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