Volunteering vs. Voluntourism – Ein Gespräch mit Annie und Max

Annie und Max haben beide Erfahrungen mit verschiedenen Formen von Volontariaten im Ausland gemacht. Im Gespräch mit NGOJobs erzählen sie von ihren Erlebnissen und welche Erkenntnisse sie mitgebracht haben. Beide haben Einblicke in unterschiedliche Organisationen gewinnen können und berichten von möglichen Schwierigkeiten in der Freiwilligenarbeit. Dabei geht es auch um die nicht immer unumstrittene Form des Voluntourism und gelegentlichen Gebühren, die Organisationen verlangen.

 

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Nach welchen Kriterien hast du dein Volontariat ausgewählt, warum hast du dich für dieses Projekt entschieden?

Max: Ich war schon seit fast zwei Monaten auf Reisen in Zentralamerika, als ich mit der intensiven Suche nach einer, nennen wir es mal sinnstiftenden Arbeit begonnen habe. Da ich mir finanziell ein kleines Polster für die kommenden Monate angespart hatte, war ich bereit auch als Volontär über längere Zeit für ein gutes, spannendes Projekt zu arbeiten.

Doch schnell habe ich gemerkt, dass insbesondere die kleinen Organisationen in Lateinamerika häufig auf Gebühren bzw. Spenden von Volunteers angewiesen sind. Die meisten Organisationen, mit denen ich Kontakt hatte, waren sehr stark auf den Bereich Voluntourism konzentriert. Nach ein paar Wochen, vielen Gesprächen und Überzeugungsarbeit – auch weil ich solche Gebühren in der Form nicht zahlen konnte und wollte – bin ich letztendlich in einem tollen Surf- und Bildungsprojekt einer Organisation im Norden Perus gelandet.

Wie stehst du zu den häufig üblichen „Gebühren“ für ein Volontariat und Organisationen, die sich zu einem Teil – manchmal zum Großteil – über die Volontär_innen finanzieren?

Annie: Ich stehe diesen sogenannten “Gebühren” sehr kritisch gegenüber, allerdings mache ich meine Bereitschaft für ein Projekt noch zusätzlich einen finanziellen Beitrag zu leisten, vom jeweiligen Projektland abhängig. Daher würde ich in einem Land wie etwa Uganda, wo ich von weniger Förderungen für Freiwilligenprojekte ausgehe, sehr wohl bezahlen, wenn mir das Projekt als sinnvoll erscheint. Dies würde ich in einem Land wie Island eher hinterfragen, da ich dort durchaus diverse Fördertöpfe bzw. staatliche Fördermittel für NGO Projekte vermute.

Ebenso erscheinen mir zusätzliche Gebühren für die Verpflegung und/oder die Unterkunft während eines Projektes wenig plausibel, wenn die freiwilligen ProjektteilnehmerInnen ohnehin schon Teilnahmekosten bezahlt haben.

Welche positiven und welche negativen Erfahrungen hast du während deines Volontariats gemacht?

Max: Es gab sicherlich einige die ich jetzt aufzählen könnte, aber da ich zu einem großen Teil für die Betreuung der Volunteers, die meistens 2-3 Wochen vor Ort waren, zuständig war, habe ich insbesondere dort gesehen, welche Schwierigkeiten das alles mit sich bringt. Viele Erwartungen lassen sich in so kurzer Zeit nur sehr schwierig oder gar nicht erfüllen. So kam es auch vor, dass Volunteers ein wenig enttäuscht von ihrem tatsächlichen Einfluss im Projekt waren.

Das war eine sehr lehrreiche Erfahrung, in gewisser Hinsicht aber auch ein Dorn im Auge – wenn von den Organisationen unrealistische Erwartungen erzeugt werden, um Volunteers und damit Spenden anzuwerben.

Meine Erfahrungen waren dahingegen also ein wenig zwiespältig. Andererseits sind in unserem Projekt eigentlich alle Volunteers super zufrieden abgereist, aber eben nicht selten mit dem Hinweis, dass die anfängliche Kommunikation schwierig war. Bei solch kurzen Aufenthalten ist das leider nicht immer zu vermeiden.

Was überwiegt deiner Meinung nach bei den meisten Formen von Auslandsvolontariaten, die tatsächlich geleistete Hilfe in dem jeweiligen Projekt oder aber die persönliche Weiterbildung?

Annie: Das ist meiner Meinung nach sehr projektabhängig und ich kann daher nur von meinen eigenen Erfahrungen berichten. Ich habe durchaus Projekte erlebt, die ich sowohl als Unterstützung für die Projektzielgruppe empfand, als auch als sehr lehrreiche Tätigkeit und Weiterbildung für die ProjektteilnehmerInnen.

Im Gegensatz dazu, habe ich leider auch Projekte kennengelernt, wo die mangelnde Organisation des Projektteams einen sinnvollen und längerfristigen Output für die Zielgruppe schwierig gestaltete, da z.B. in einem 3-wöchigen Projekt schon eine Woche verging, bis der genaue Projektort feststand bzw. verlegt wurde. Das ist natürlich enttäuschend für alle Teilnehmenden und auch nicht sinnvoll für das Weiterkommen eines Projekts.

IMG_20170401_152554Inwiefern wurden deine Erwartungen an dieses Volontariat erfüllt?

Max: Im Endeffekt bin ich extrem zufrieden und sehr bereichert aus der Zeit herausgegangen. Erwartungen hatte ich im Vorhinein sehr wenige, da alles sehr schnell und spontan angefangen hat. Eine gründliche Planung im Vorfeld ist sicher empfehlenswert.

Da ich mir aber auch kein Zeitlimit gesetzt hatte, war es wiederum sehr schwierig zu entscheiden wann ich überhaupt aufhöre bzw. wieder zurück Richtung Heimat reise. Letztendlich habe ich mich dann entschieden meinen Master zu beginnen und bin deshalb zurückgekommen. Aber der Kontakt dorthin ist und wird sicher immer eng bleiben.

Hast du wichtige Tipps für interessierte, zukünftige Volontär_innen? Worauf ist insbesondere bei der Vorbereitung zu achten?

Annie: Ich denke es ist sehr wichtig, sich die eigenen Erwartungen an ein Freiwilligenprojekt bewusst zu machen und danach zu entscheiden, in welches Zielland und in welchen Projektbereich (Umwelt, Kinder & Jugend, Bildung etc.) man als Freiwillige_r möchte. Falls man danach die Bereitschaft verspürt, für das ausgewählte Projekt die Reise-, Visums- und die Teilnahmekosten selbst zu tragen, würde ich diesen Schritt schon wagen.

Ich habe bisher in den unterschiedlichsten Freiwilligenprojekten mitgearbeitet (bezahlt und unbezahlt) und konnte in beiden Kategorien spannende und nützliche Eindrücke gewinnen. Zum Beispiel habe ich zu Beginn meines Bachelorstudiums (Int. Entwicklung) an einem Projekt in Kenia zum Thema „Conflicttransformation and Peacebuilding“ teilgenommen, wofür ich auch bezahlt habe.

Rückwirkend betrachtet war es dieses Projekt echt wert, da ich mich später während meines Studiums immer wieder näher mit Konfliktstudien beschäftigt habe und ich mittlerweile beim ÖBM (Österr. Bundesverband für Mediation) als Angestellte arbeite, wo alternative Konfliktlösungsmethoden eine große Rolle spielen.